Schulpolitik

Schulpolitik

Eine tief greifende Reform des Bildungswesens im Sinne von mehr Chancengleichheit war eine der zentralen Forderungen der Bürgerrechtsbewegung im Rahmen der friedlichen Revolution 1989. An die Stelle von Parteizugehörigkeit und Staatsräson, die bislang über die Bildungschancen eines Menschen entschieden hatten, sollten in Zukunft seine individuellen Fähigkeiten und Neigungen treten. Mit diesem Anspruch machte man sich an die Reform des Bildungswesens der DDR, das mit Fächern wie Staatsbürgerkunde und Wehrkunde der ideologischen Erziehung seiner Schüler verpflichtet gewesen war. Die Abschaffung dieser belasteten Fächer war ein Leichtes. Die Veränderungen, die in den Köpfen vor sich gehen mussten, damit aus einer Schule mit ideologischem Klassenauftrag eine Schule werden kann, die Menschen zu mündigen Bürgern in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen erzieht, sind umso komplizierter.

Eigene (Bildungs)wege in Sachsen

Nahe gelegen und - aufgrund der schwierigen Übergangssituation auch die einfachste Lösung - gewesen wäre eine kritiklose Übernahme des westdeutschen Schulsystems. Sachsen entschied sich bewusst gegen diesen Weg des geringsten Widerstandes und damit für ein eigenständiges Schulsystem. Das sächsische Schulsystem ist dreigliedrig, auf eine vierjährige Grundschule folgt der Besuch der Mittelschule (5. bis 9. bzw. 10. Klasse) oder der Besuch des Gymnasiums (5. bis 12. Klasse). Weitere allgemeinbildende Schulen sind die Förderschulen. Der zeitige Schulwechsel der Kinder bereits nach der vierten Klasse sorgt immer wieder für Unmut unter den Eltern. In einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid aus dem Juli 2010 sprachen sich 29 Prozent der Eltern in Ostdeutschland für neun Jahre gemeinsames Lernen aus, 51 Prozent waren für 6 Jahre Grundschule und nur 17 Prozent halten die vierjährige Grundschule für die beste Lösung. Seit dem Schuljahr 2006/7 gibt es in Sachsen die Gemeinschaftsschule als Schulversuch an neun Schulen, bei ihr lernen die Schüler bis zur achten Klasse gemeinsam. Die seit 2009 regierende Koalition aus CDU und FDP legte in ihrem Koalitionsvertrag fest, dass der Schulversuch abgeschlossen wird. Damit werden zum Schuljahr 2010/11 letztmalig an den Gemeinschaftsschulen neue Klassen aufgenommen, 2014 läuft der Schulversuch dann endgültig aus.

Mit der Mittelschule als einer Schule die sowohl den Hauptschul- als auch den Realschulbildungsgang anbietet, hat sich Sachsen für eine eigenständige neue Schulart entschieden, die es in dieser Form in Westdeutschland noch nicht gab. Auf diese Weise wurde eine Vielzahl von Problemen vermieden, die die Hauptschule in Westdeutschland heute in Verruf gebracht haben und die zu einer Diskussion um die Zukunft dieser Schulart geführt haben. Die Mittelschule vermittelt eine allgemeine und berufsvorbereitende Bildung. Mit erfolgreichem Realschulabschluss am Ende der Klasse 10 und Erfüllung bestimmter Leistungsvoraussetzungen kann auf ein allgemeinbildendes Gymnasium, ein berufliches Gymnasium oder eine Fachoberschule gewechselt werden. Die Vollzeitschulpflicht dauert neun Schuljahre, die Berufsschulpflicht in der Regel drei Schuljahre.

Das sächsische Abitur - ein steiniger Weg
Auch das Abitur nach einer Schulzeit von 12 statt 13 Jahren durchzusetzen, verlangte von den sächsischen Unterhändlern bei der Kultusministerkonferenz großes Geschick. Mittlerweile ist das Abitur nach 12 Schuljahren fast in der ganzen Bundesrepublik verbreitet. Nicht übersehen werden darf allerdings, dass Schüler und Eltern einen nicht unerheblichen Preis dafür zahlen, dass die Schulzeit in Sachsen bis zum Abitur nur 12 Jahre beträgt: Straffe Lehrpläne, ein erhebliches Arbeitspensum und wenige Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe sind die Folgen dieses ambitionierten Bildungsweges, den zwar immer mehr Schüler einschlagen wollen, bei dem aber auch viele auf der Strecke bleiben.

Vielfalt, Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit sollen das sächsische Schulsystem auszeichnen. Während in der DDR nur etwa jeder zehnte junge Mensch das Abitur machen durfte, beendeten 2009 38,8 Prozent der sächsischen Schüler ihre Schullaufbahn mit der allgemeinen Hochschulreife, 43,8 Prozent erwarben den Realschulabschluss, 7,3 Prozent schafften den Hauptschulabschluss 2,8 Prozent verließen die Schule ohne jeden Abschluss.


Sächsische Schulen vergleichsweise Spitze!
Im innerdeutschen Vergleich belegen sächsische Schulen immer wieder hervorragende Plätze. Beim aktuellen Pisa-Test erreichte Sachsen in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz den ersten Platz vor Bayern und Thüringen. Die Langzeitstudie „Bildungsmonitor 2009“, die die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme der Länder anhand von 102 Kriterien wie Klassengröße, Zahl der Bildungsabschlüsse und Studiendauer untersucht, hat Sachsen ebenfalls den Spitzenplatz eingeräumt. Danach ist das sächsische Bildungssystem bundesweit am besten geeignet, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Diese Bewertung wird vor allem durch die hervorragenden Leistungen sächsischer Schüler in den Naturwissenschaften begründet, die das Land zu Deutschlands „Ingenieurschmiede“ machen.

Annette Rehfeld-Staudt